Gute PR statt gute Hortbetreuung?

In wenigen Jahren werden in MV bis zu 5.000 Fachkräfte für eine gute Hortbetreuung fehlen. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle „Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule“ der Bertelsmann Stiftung. Die Studie zeigt im bundesweiten Vergleich gravierende Unterschiede in der Betreuungsqualität auf. Grund ist der jeweilige Personalschlüssel. Spoiler: MV ist hierbei eines der Schlusslichter in Deutschland.

Während in westdeutschen Horten durchschnittlich ein Personalschlüssel von 1 zu 6 existiert, liegt er in Mecklenburg-Vorpommern bei 1 zu 15,5. Eine Vollzeit-Fachkraft muss bei uns rechnerisch also fast zehn Kinder mehr betreuen als in einem westdeutschen Hort. Das geht zu Lasten der Qualität, zu Lasten der Kinder, zu Lasten der Erzieherinnen.

Trotzdem haben die Regierungsfraktionen von SPD und LINKE entgegen aller Empfehlungen von Expertinnen jüngst ein Prestige-Projekt vorangetrieben: den kostenfreien Ferienhort. Nun hängen im ganzen Bundesland Plakate, auf denen sich das Regierungsbündnis öffentlichkeitswirksam feiert.

Den Erzieher*innen im Land muss das wie Hohn erscheinen. Sie haben seit Jahren die Überlastung angezeigt. Die Expert*innen im Bildungsausschuss des Landtags gaben ihnen Recht: Erst müssen die Erzieher*innen, dann die Familien weiter entlastet werden.

Auch die Gewerkschaft Verdi, die viele Erzieher*innen vertritt, kritisierte die Landesregierung: „Die Studie belegt wieder einmal, dass die Not groß ist“, erklärte Verdi-Sprecher Daniel Taprogge.

»Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass es eine Fachkräfteoffensive in der frühkindlichen Bildung und dem Ganztag geben muss.«

Daniel Taprogge, Sprecher der Gewerkschaft Verdi, 5. Juli 2022

Zu diesem Ergebnis kommen auch die Autor*innen der Studie. Laut den Berechnungen könnten im Jahr 2030 bis zu 5.000 Fachkräfte in Mecklenburg-Vorpommern fehlen, um eine Ganztagsförderung der Grundschulkinder auf Westniveau zu gewährleisten.

»Das Personalangebot muss erhöht werden. Hier gilt es die Fachkräftegewinnung zu intensivieren, die bestehenden Ausbildungskapazitäten bzw. einen notwendigen Ausbau zu prüfen sowie anzuerkennen, dass nur attraktive Arbeitsbedingungen in einem Arbeitsfeld mit hohen Anforderungen auch tatsächlich Fachkräfte langfristig halten können.«

Aus: Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule 2022, Bertelsmann Stiftung

Doch Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und Bildungsministerin Simone Oldenburg (LINKE) haben den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht, offensichtlich zugunsten guter PR.


Hintergrund: Bund und Länder haben im vergangenen Jahr einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule beschlossen. Dieser wird schrittweise eingeführt. Ab dem Schuljahr 2026/2027 gilt er für Kinder der 1. Klasse, ab 2029/2030 für alle Grundschulklassen.

Quellen:
„Ganztagsförderung – Studie: Über 5000 Fachkräfte fehlen für gute Hort-Betreuung“, dpa, 5.7.2022
Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule 2022, Bertelsmann Stiftung